Bewegender Austausch mit NS-Nachfahren an der Marienschule

In der Aula der Marienschule Euskirchen berichteten Barbara Brix und Bernhard Esser – Nachfahren eines NS-Täters bzw. einer Widerstandsfamilie – eindrucksvoll über ihre Familiengeschichten während der NS-Zeit.
Barbara Brix, Tochter eines SS-Arztes, und Bernhard Esser, dessen Familie von den Nazis verfolgt und dessen Onkel totgeschlagen wurde, richteten eindringliche Worte an die Schülerinnen und Schüler des Ganztaggymnasiums in Euskirchen.
Es war eine Geschichtsstunde der besonderen Art für die Schülerinnen und Schüler der Marienschule in Euskirchen. Aus Hamburg waren zwei Menschen angereist, deren Biographien von den Nationalsozialisten deutlich geprägt wurden und bis heute werden, um an zwei Tagen insgesamt rund 150 Schülerinnen und Schülern der Stufe 10 sowie weiteren Gästen von Schulleiter Michael Mombaur von ihrer persönlichen Familiengeschichte zu erzählen.
Es war mucksmäuschenstill in der großen Aula, als Bernhard Esser sichtlich bewegt von der Verhaftung und Folter seines Vaters und dem Tod seines Onkel Alwyn erzählte, der 1933 im Alter von 21 Jahren von der Gestapo im Konzentrationslager Fuhlsbüttel in Hamburg erschlagen worden war. Der Vater hatte Glück gehabt und später das Konzentrationslager Neuengamme überlebt. Diese Geschichte seiner kommunistischen Familie hat den heute 82jährigen Nachfahren eines Naziopfers nicht losgelassen. Gerade heute, so bittet er die Schülerinnen und Schüler, müsste ihre Generation wachsam bleiben, es dürfe in Deutschland nicht noch einmal so weit kommen wie 1933, als die Nazis die Macht ergriffen. Denn die Jahre zwischen 1933 und 1945 seien kein „Vogelschiss der Geschichte“, wie der Ehrenvorsitzende der AFD, Alexander Gauland, einmal behauptet hatte. Man müsse unsere Demokratie um jeden Preis verteidigen.
Bernard Esser unternimmt solche Besuche an Schulen wider das Vergessen gemeinsam mit Barbara Brix. Der ehemaligen Lehrerin fällt die Erzählung ihrer Familiengeschichte ebenfalls sehr schwer. Mit manchmal stockender Stimme gesteht sie vor den gebannt lauschenden Schülerinnen und Schülern ihren Zwiespalt im Andenken an ihren Vater. Sie hatte ihn erst nach Flucht und Vertreibung aus dem ehemaligen Ostpreußen in einem Flüchtlingslager in Lünen kennen- und später auch lieben gelernt. Denn Dr. Peter Kroeger war ein aufmerksamer, zugewandter Vater, der mit seinen drei Kindern spielte, ihnen Geschichten vorlas und bei den Schulaufgaben half. Barbara Brix war schon 65 Jahre, als dieses Bild des liebevollen Vaters für sie zerbrach. Sie musste erfahren, dass Dr. Peter Kroeger als Arzt bei der sogenannten Einsatztruppe C war, einer Einheit aus Polizei und SS, die in den von den Nazis eroberten Ostgebieten 1,3 Millionen Menschen ermordet hatten, Menschen, die in den Augen der Nazis wie Juden, Sinti und Roma Untermenschen oder als Kommunisten Feinde des Regimes waren. Barbara Brix recherchierte danach weiter und weiß aufgrund der vorhandenen Dokumente, dass ihr Vater Massenerschießungen zumindest beiwohnte oder sogar selbst daran beteiligt war, so zum Beispiel beim Massaker in der ukrainischen Schlucht Babyn Jar, in der über 33.000 Menschen erschossen wurden: Diese Massenerschießung gilt als das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden.
Barbara Brix und Bernhard Esser hatten nach Euskirchen auch alte Familienfotos mitgebracht, die sich viele Schülerinnen und Schüler zum Ende der Veranstaltung noch einmal aus der Nähe ansahen. Geduldig beantworteten Bernhard Esse und Barbara Brix alle Fragen zu ihrer Familiengeschichte und der NS-Zeit, aber auch die Frage, warum sie sich in ihrem Alter die Strapazen der Reisen und Vorträge noch zumuten. Es sei ihnen wichtig, so Bernhard Esser, die Erinnerung wach zu halten, sie schöpften Kraft aus dem Austausch mit den jungen Leuten. Und deshalb, ergänzte Barbara Brix, wollten sie auch weitermachen, wenn es sein muss, bis zu ihrem Lebensende.
Möglich gemacht haben die besonderen Geschichtsstunden die Marienschule Euskirchen und die beiden Rotary Clubs Euskirchen und Euskirchen-Burgfey sowie die Bildungsakademie Vogelsang IP mit dem Programm NRWeltoffen. Mit den Rotariern und weiteren Gästen gab es nach den Vorträgen ein gemeinsames Mittagessen mit einem regen Austausch über die Verantwortung jedes Einzelnen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Text: Angelica Netz und Michael Mombaur, Fotos: privat
In der Lokalzeit Bonn des WDR sprach Schulleiter Michael Mombaur über die besondere Bedeutung der Begegnung mit Barbara Brix und Bernhard Esser. Er betonte, dass persönliche Familiengeschichten aus der NS‑Zeit Jugendliche auf eine Weise erreichen, die kein Lehrbuch leisten kann. Gerade in Zeiten, in denen rechtspopulistische Positionen an Einfluss gewinnen, sei lebendige Erinnerungskultur unverzichtbar.
Die Veranstaltung zeige, so Mombaur, wie wichtig es ist, historische Verantwortung spürbar zu machen und jungen Menschen Räume für Fragen, Empathie und Haltung zu eröffnen.













