Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Hubert Dobers besucht unsere MSE und berichtet den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10 von seiner Zeit als Hitler-Junge! Dabei berichtet er, wie er verführt wurde und schließlich erkennen muss, wie viel Unrecht und Leid in der NS-Zeit passierte. Und er mahnt uns, sich für Frieden und Freiheit einzusetzen und vor allem immer den Menschen im gegenüber zu sehen.

Das Jahr 1930 kann man im Nachhinein schon als eine entscheidende Etappe von der Weimarer Republik hin zur Hitler-Diktatur bezeichnen. Der Präsident Paul von Hindenburg nutzte den Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung zum ersten Mal am 16. Juli 1930 für den Erlass politischer Notverordnungen.  Da der Reichstag zwei Tage später mehrheitlich die Aufhebung dieser Notverordnungen verlangte, machte Hindenburg sofort von seinem Recht aus Artikel 25 Gebrauch, löste das Parlament auf und setzte Neuwahlen an. Dies markierte den endgültigen Übergang der Weimarer Republik hin zu den sogenannten Präsidialkabinetten, bei denen eben am Parlament vorbei regiert. Als erster Reichskanzler in diesen Kabinetten versuchte sich Heinrich Brüning an der Stabilisierung der Demokratie, doch schon 1932 endete sein Wirken. Von den Wirren profitiert am Ende Adolf Hitler, dessen Aufstieg sich abzeichnet und der am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird. Ihn glaubte man ebenfalls im Griff zu haben, wie Ex-Kanzler Franz von Papen meinte: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“ Welch ein Irrtum, in den folgenden 12 Jahren wird dieser Hitler mit seinen Schergen eine barbarische, menschenverachtende faschistische Diktatur etablieren, die viel Leid und Unrecht über die Welt bringen wird.

Am 12. November 1930 wird in Breslau Hubert Dobers geboren. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf, das recht unpolitisch ist. Er kann sich innerhalb der Familie nur an eine Nazi-kritische Äußerung von seiner Cousine erinnern, ansonsten herrscht Schweigen. Immerhin ist der jüdische Kinderarzt zunächst weiterhin Ansprechpartner der Familie, „bis er auf einmal weg war.“ 1937, also verhältnismäßig spät, tritt der Vater als Beamter der NSDAP bei, was beruflich motiviert sein dürfte, bevor er später zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Der junge Hubert erlebt schnell die verführerische Anziehungskraft der jungen, dynamischen Bewegung mit all ihren Freizeitangeboten für Jungens. Das Kind merkt dabei bereits, dass die Juden zunehmend unter Druck geraten: An einer Haltestelle auf dem Weg zur Oberschule (damalig das Gymnasium) sieht er verwundert, wie Juden von den Wartebänken aufstehen müssen, wenn Arier sich setzen möchten und ab 1941 sieht er die ersten Judensterne. Auch nimmt er aus der Ferne einmal Häftlinge auf dem Weg ins Konzentrationslager Groß-Rosen wahr.

Im Jung-Volk des Führers, den er auf einer Durchfahrtsstraße aus nächster Nähe auch mal selbst beobachten kann[1], macht er schnell „Karriere“, er erfährt und hält schließlich auch ideologische Schulungen: „Ich fühlte mich als Mensch eines Volkes mit großartiger Zukunft“, berichtet er den atemlosen Jugendlichen in der Schulaula und erzählt von Geländespielen, Sport, Schießübungen und Fahrten. Diese Aktivitäten und diese Freiheit der Jugendlichen ist für sie nachvollziehbarerweise ein mächtiger Anziehungspunkt, wurden doch in den konservativen Schulen noch die Rute geschwungen und Ohrfeigen verteilt.

Breslau war ein bedeutender Luftwaffenstandort und diese Helden der Lüfte hätten es den Kindern angetan, teilt Dobers den Zuhörerinnen und Zuhörern mit.

Im Gespräch mit unserer Jahrgangsstufe 10 erzählt er, dass er damals wie später, nach dem Krieg, nie mit seinem Vater über diese Zeit gesprochen habe und  er ärgert sich bis heute, dass er ihn nicht mehr Fragen hinsichtlich der NS-Vergangenheit stellte – wie so oft, bleibt die Zeit unberührt und Schweigen verhüllt die schwierige Vergangenheit.

1938 brennt die imposante neue Synagoge, dabei werden 2000 Menschen in die sogenannte Schutzhaft genommen. Sie werden entrechtet, gedemütigt und zur Auswanderung gedrängt, während ihr Besitz arisiert, also vom deutschen Staat gestohlen wird. Im November 1941 beginnen die Deportationen, das bekommt der 11-Jährige aber nicht mit.

Die ersten Kriegserlebnisse, als die Nazis von Sieg zu Sieg eilten, berauschten alle, beschreibet Herr Dobers; später, als die Niederlagen einsetzten und die euphorische Nachrichten ausblieben, wird er von Nachbarn häufiger als eingeweihte Person nach dem Stand der Dinge gefragt, was ihn mit Stolz erfüllt habe und immer hätte er an den Sieg geglaubt und Durchhalteparolen verbreitet.

Er sei auch wegen seiner guten Noten auch als auserwählter Schüler für eine Napola-Schule in Betracht gekommen, ja selbst eine Verschickung in die Eifel nach Vogelsang (ganz in unserer Nähe) sei in Betracht gekommen – doch ein Nazi-kritischer Lateinlehrer habe seinen Eltern abgeraten, diesen Weg zu gehen. Tatsächlich wollten die Eltern das nicht, sehr zur Trauer von Hubert, der gerne diesen schritt getan hätte.

Als die Front näher rückt, möchte er zum Volkssturm und mit der Waffe, an der er ausgebildet wurde, seine Stadt und Adolf Hitler verteidigen, doch die Stadt wird evakuiert und viele Kinder, auch Hubert, müssen gegen ihren Willen fort, auch hier setzen sich die Eltern zu seinem Glück durch: Diese Evakuierung von Breslau im Januar 1945 gehört nach Einschätzung einiger Historker zu den verlustreichsten und am schlechtesten organisierten Zwangsevakuierungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Weil Adolf Hitler Breslau im Sommer 1944 zur „Festung“ erklärt hatte, die bis zum letzten Mann verteidigt werden sollte, verbot der NSDAP-Gauleiter Karl Hanke aus rein ideologischen Gründen eine rechtzeitige, geordnete Räumung der Stadt und so machten sich vor allem Frauen und Kinder schlecht vorbereitet am 19./20.  Januar auf den Weg durch die eisige Kälte. Tausende seien auf dem Weg gestorben.

Als die sowjetischen Truppen die Stadt dann später übernahmen, befanden sich trotz der Januarevakuierung noch knapp 165.000 deutsche Zivilisten in den Ruinen Breslaus. In diesen ersten Wochen kam es zu massiven Übergriffen, Plünderungen und Racheakten durch sowjetische Soldaten.

Den Vater hate sein Kommandeur entgegen der Anweisungen aus dem Wehrdienst entlassen, weil er die Niederlage sah und die Männer nicht verheizen wollte – eine Seltenheit!

Die Familie zog umher, landete schließlich im Dorf der Mutter, rund 70 Kilometer von Breslau entfernt. Eine Rückkehr war nicht möglich wegen der Zerstörungen in der Stadt.

Schon im Sommer 1945 begannen die sogenannten „wilden Vertreibungen“. Polnische Polizisten und das Militär zwangen zehntausende Deutsche, ihre Wohnungen zu verlassen. Sie wurden oft zu Fuß über die neue Grenze (die Oder-Neiße-Linie) getrieben.

Herr Dobbers berichtet über diese Zeit von Schlägen, Vergewaltigungen, auch im engsten Umfeld, und schrecklicher Angst. Die Ohnmacht spürt man seinen Erläuterungen noch immer an und die begleitenden Lehrkräfte sowie die vielen Jugendlichen hören gebannt zu. Er wurde von polnischen Bauersfamilien häufiger verschleppt und tatsächlich immer wieder von sowjetischen Soldaten befreit, die dem Treiben junger Männer Einhalt geboten, nur eine polnische Großmutter habe mal Menschlichkeit beweisen und ihm geholfen.

Was muss das für eine schwere Zeit für den gerade mal 15-Jährigen sein: Er erlebte wie so viele eine harte Realität zwischen Trümmern, Entbehrungen, gepaart mit dem gleichzeitigen Drang nach Neuorientierung. Viele Jugendliche, die gerade noch im Krieg als Flakhelfer oder beim Volkssturm zur Verteidigung herangezogen worden waren, standen plötzlich vor dem Nichts und mussten in einer völlig veränderten Gesellschaft aufwachsen.

Schließlich wurde die Familie wie viele andere in einen Güterwaggon verfrachten und verschickt – zu ihrer eigenen Freude in den britischen Sektor und schließlich über das Lager Friedland gelangen sie nach Schwelm in NRW.

Dort erfährt er unglaubliches Glück – eine Familie kümmert sich um sie, er findet Anschluss an die katholische Kirche und wird an dem örtlichen Gymnasium sehr zugewandt aufgenommen. Keine Selbstverständlichkeit, Dobers nennt es „phantastisch“ und noch heute scheint Hubert Dobers berührt zu sein von der erfahrenen Nächstenliebe.  Er trifft auf Lehrer, ehemalige Soldaten, die den Jugendlichen die furchtbaren Wahrheiten der Nazis erklären und die ihm die Augen für das Unrecht öffnen. Gleichzeitig lernt er die französische Sprache kennen und es zieht ihn nach Frankreich, was sein leben positiv beeinflussen wird. In dieser zeit wird er, als Flüchtling, wie er betont, sogar Pfarrjugendleiter.

So entwickelt er sich zu einem Mann mit einem klaren demokratischen Wertekompass, dessen Erlebnisse als Jugendlicher ihn prägten: Grenzüberschreitend heiratet er beim Jura-Studium in Paris eine Französin, Jacqueline Noël, mit der er bis zum heutigen Tag glücklich verheiratet ist und eine Familie gründen konnte.

Auch hier zeigt sich Herr Dobers berührt, dass ihn die Familie der Frau in Nordfrankreich ohne Ablehnung, ohne Ressentiments akzeptierte! Bis zum heutigen Tag setzt er sich für die deutsch-französische Freundschaft ein! Und er engagiert sich 20 Jahre für die Entwicklungshilfe in der Konrad-Adenauer-Stiftung, bereist beruflich die Welt, ist in Kamerun, Tunesien, im Nahen Osten in Jordanien und Israel bzw. Palästina wirksam und baut Verwaltungsstrukturen auf.

Dabei erkennt er die Bedeutung der Sprache als Schlüssel zur Welt und Verständigung unter den Menschen kennen und lernt auch Arabisch! Später engagiert er sich über Jahrzehnte für die Gesellschaft und übernimmt in Euskirchen auch politische Verantwortung.

Angesprochen auf die AFD wird er deutlich und zeigt sich empört über diese rückwärtsgewandte Partei.

Und er appelliert an unsere Jugend: Das Wissen sei doch heute da und verfügbar, man könne schnell wissen, wie diese furchtbaren Zeiten waren und was alles passiert sei, man müsse nur die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zum Wohle der Zukunft nur wollen!

Wir fragten ihn nach einer Lehre, die er womöglich nach diesen Zeiten voller barbarischer Abgründe und hoffnungsvoller Unterstützung formulieren möge:

„Wenn jemand bereit ist, dem Mitmenschen ohne Vorurteile zu begegnen, ist vieles möglich im Zusammenleben. Man darf immer auch kritisch sein, aber man sollte immer als Mensch den Menschen begegnen.“

Einfache Sätze, die doch so schwer umzusetzen zu sein scheinen. Aber jede und jeder von uns, kann sofort damit anfangen, diese Menschlichkeit zu beweisen, wie es auch Anne frank formulierte: „Es liegt an uns.“

Diese Zeilen entstanden während eines Zeitzeugeninterviews mit der Jahrgangstufe 10 sowie nach einem Vor- und Nachgespräch mit Herrn Dobers. Ich kann diesem tollen Mann nur danken für seine Besuche. Es ist sicher nicht leicht, auch über eigene Fehler und Fehleinschätzungen nachzudenken und vor allem darüber offen zu sprechen und seine Botschaft zeigt doch den Optimismus, dass unsere Jugendlichen mit all ihren Fähigkeiten dazu in der Lage sind, Schlüsse aus den Nazi-Zeiten zu ziehen und eine demokratische, menschliche Zukunft anzustreben. Das finde ich als Pädagoge schön.

Michael Mombaur

 

 

 

[1] Vermutlich beim Besuch Hitlers am 31. Juli 1938 beim Deutschen Turn- und Sportfest: Dies war sein bekanntester und pompösester Besuch. Hitler nahm im Hermann-Göring-Stadion (heute Olympiastadion) den Vorbeimarsch von 150.000 Athleten ab. Während dieses Aufenthalts wohnte er im bekannten Hotel Monopol (Zimmer 113). Eigens für diesen Besuch wurde am Hotel ein Balkon angebaut, von dem aus er sich der jubelnden Menge auf der Schweidnitzer Straße zeigte.