28. Euskirchener Dialog: „Die vulnerable Gesellschaft in Resilienz fordernder Zeit“

Dr. Hubertus Rüber eröffnete den etwa zweistündigen 28. Euskirchener Dialog „Die vulnerable Gesellschaft in Resilienz fordernder Zeit“ und skizzierte sowohl die Entstehung der Veranstaltungsidee als auch die Fortführung des Projekts gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrike Bardt von der Universität Koblenz als Moderatorin. Die Ärztekammer fungiert weiterhin als Unterstützer der Veranstaltungsreihe, ist aber nicht mehr Veranstalter.
Nach einer musikalisch gelungenen Einführung durch Barbara Luke mit den Mary’s Voices und der Vertonung des themenbezogenen Titels „Survivor“ von Destiny’s Child sprach im ersten Vortrag Frau Prof. Dr. Dr. Rostalski, Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln sowie Mitglied des deutschen Ethikrats, über das Wechselspiel von Vulnerabilität und Freiheit. Sie definierte Vulnerabilität als besondere Angewiesenheit auf andere sowie Ausgesetztsein gegenüber äußeren Einflüssen – Ursachen seien gesellschaftlich und individuell vielfältig. Juristisch argumentierte sie im Spannungsfeld verbreiteter Ideen, dass die zunehmend wahrnehmbare gesellschaftliche Verletzlichkeit zu mehr Freiheit führe; stattdessen führe sie, so ihre These, zu mehr staatlicher Regulierung (z.B. bei Ehrdelikten, Impfpflicht, Dead Naming) und damit zu geringerer individueller Freiheit sowie reduzierter Selbstverantwortung. Ein weiteres Risiko sah sie in der „Diskursvulnerabilität“: Durch identitär aufgeladene Meinungen würden offene Debatten erschwert, Lagerdenken und Sprechverbote entstünden. Sie warnte davor, dass die wachsende Wahrnehmung von Verletzlichkeit stückweise Freiheit koste und rief zu weniger gesetzlichen Regulierungen, stattdessen zu mehr Resilienz, Mündigkeit und offenem Diskurs auf, um die demokratische Streitkultur zu bewahren.
Der zweite Vortrag von Frau Prof. Dr. Franzsiska Geiser, Lehrstuhlinhaberin und Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn, stellte Ambivalenz als Ressource in den Vordergrund. Die Referentin skizzierte die Herkunft des Begriffs Ambivalenz, beschrieb dessen Normalität im menschlichen Erleben und entwickelte daraus das Konzept der Ambivalenzkompetenz. Sie zeigte auf, dass widersprüchliche Gefühle, Gedanken und Wünsche nicht sofort aufgelöst werden müssen, sondern ausgehalten und reflektiert werden können. Anhand klinischer Entscheidungssituationen und Alltagserfahrungen wie Prokrastination wurde illustriert, wie Ambivalenzdruck entsteht, aber auch zu ausgewogeneren Entscheidungen führen kann. So etwa wurde Ambivalenztoleranz mit besserer psychischer Gesundheit assoziiert. Auch Kunst und Religion wurden als Felder betrachtet, in denen das Aushalten von Widersprüchen produktive Wirkungen erzielt. Mit Blick auf den medizinischen Alltag plädierte die Referentin für mehr Offenheit gegenüber Unsicherheit und Vieldeutigkeit sowie für gemeinsame Entscheidungsfindungen mit Patientinnen und Patienten. Kritisch diskutiert wurde die Annahme, Ambivalenz oder Resilienz seien stets positiv, da es auch Risiken einer Individualisierung und Überbetonung widerstandfähiger Ideale gibt. Insgesamt plädierte Frau Prof. Geiser für eine reflektierte gemeinschaftliche Annäherung an Ambivalenz und Resilienz als menschliche und gesellschaftliche Entwicklungschancen.
In dem sich anschließenden Diskussionsteil zwischen Moderatorin, Referentinnen und dem Publikum wurden die Bezüge von Vulnerabilität, Freiheit, gesellschaftlicher Steuerung und Recht vertieft. Es wurde u.a. kritisch debattiert, ob der Staat Verletzlichkeit bewusst als Machtmittel nutzt oder gesellschaftliche Gruppen sie politisch instrumentalisieren. Die zunehmende Regelungsdichte bei schwindender Umsetzbarkeit wurde problematisiert – dies gefährde das Vertrauen in das Rechtssystem. Für den schulischen Bereich wurde gefordert, Resilienz und Diskurskompetenz praktisch zu vermitteln und Kindern zuzumuten, auch Kränkungen und digitale Risiken auszuhalten und persönlichkeitsstärkend zu verarbeiten. Militärische Resilienz wurde ebenfalls thematisiert, ebenso wie die parallele Zunahme von Empfindlichkeit und Aggressivität in gesellschaftlichen Debatten. Abschließend wurde betont, dass Vulnerabilität im positiven Sinne Grundlage von Solidarität und Gemeinschaft sein kann, wenn sie nicht in Überregulierung und Individualisierung von Verantwortung mündet.
Anregende Gespräche rundeten den sehr gelungenen Abend im Foyer bei einem abschließenden Ausklang ab. Das Format soll eine Fortsetzung erhalten, weitere Informationen sind über nachfolgenden Link zu finden:









