Historie

Von der „höheren Töchterschule“ zum modernen Ganztag-Gymnasium

1225544661_01kreis-intelligenz-blattSchulen und Bildungssysteme sind stets Spiegel einer Gesellschaft. Damit sind sie zugleich zuverlässige Indikatoren von und für den gesellschaftlichen Fortschritt sowie den kulturellen Wandel. An der Entwicklung von Schul- und Unterrichtsformen wird somit auch der Verlauf der „großen“ politischen Geschichte in ihren praktischen Auswirkungen auf das Leben der „kleinen“ Leute, nämlich auf dasjenige von Schülerinnen und Schülern, Lehrern und Eltern, direkt sichtbar. Auf dieser Seite  machen Fotos aus der Schulgeschichte den Wandel durch unterschiedliche Etappen und Epochen im wahrsten Sinne des Wortes „sichtbar“.

Dabei fallen sofort mehrere Besonderheiten der Marienschule auf. Eine Geschichte von Frauen für Frauen – so lassen sich die ersten einhundert Jahre der Schulgeschichte zusammenfassen. Sowohl bei der Gründung der Schule 1868 bzw. deren Neugründung 1898 wie bei deren Weiterführung und steter Fortentwicklung waren Frauen maßgeblich beteiligt; zudem hatte die Schule während dieses Zeitraums – bis zum Jahr 1975 – nur weibliche Schülerinnen. Beide Phänomene – die Gründung einer eigenen Schule zur Höheren Mädchenbildung und deren praktische Ausführung unter der federführenden Verantwortung von Frauen – wären ohne einen fundamentalen Wandelprozess im gesamtgesellschaftlichen Kanon nicht möglich gewesen.

In einzigartiger Weise ermöglicht der Blick auf die Geschichte der Marienschule Euskirchen, den Wandel in Bildung und Erziehung über gleich mehrere historische Epochen hinweg nachzuvollziehen: Sie beginnt mit dem ersten Unterrichtstag der Schulgeschichte am 17. November 1868, unmittelbar vor dem Ausbruch des Kulturkampfs Bismarckscher Prägung im 1870/71 gegründeten Deutschen Kaiserreich. Sie erlebte den tiefen Einschnitt des Ersten Weltkriegs und erfuhr anschließend eine Blütezeit in der kurzen Zeitspanne der ersten deutschen Demokratie in der Weimarer Republik bis zu deren Ende 1933. Schließlich wurden die schmerzhaften Erfahrungen von Diktatur und Zweitem Weltkrieg gemacht, bevor nach 1945 auch für die Schülerinnen – und seit 1975 auch männlichen Schüler – der Marienschule eine stabile Demokratie und Werteordnung selbstverständliche Voraussetzung auf ihrem Bildungsweg wurde.

1225545131_02kreis-intelligenz-blattDie enge Verknüpfung der Marienschule mit gesellschaftlich- sozialen, kulturellen und bildungspolitischen – sprich: geschichtlichen – Entwicklungen und Veränderungen zeigt sich dabei nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart und Zukunft.

Doch auch im Zeitalter von Koedukation und der erreichten vollständigen Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Schülern sowie von männlichen und weiblichen Lehrkräften ist die Geschichte der Marienschule im ständigen Fluss stetiger Weiterentwicklung begriffen. Globalisierung und demografische Entwicklung stellen das gesamtdeutsche Bildungssystem vor neue Herausforderungen. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre und die damit verbundene Umstellung des Schulbetriebs im Sinne eines Ganztagsgymnasiums markieren den Beginn einer neuen Ära des Schulbetriebs.

Von der Kaiserzeit zur Globalisierung – es lohnt sich, die Geschichte der Marienschule zu betrachten, gerade in einem Moment, da ein neues Kapitel aufgeschlagen wird.

Die Geburtsstunde der Marienschule kündigt sich in der zeitgenössischen lokalen Presse an: Am 13. November gab die Vorsteherin Johann Küpper dieses Inserat im „Kreis-Intelligenz-Blatt“ auf, in dem sie den Unterrichtsbeginn in der „Höheren Töchterschule“ im „Schul-Locale“ in der Hochstraße 6 für Dienstag, den 17. November 1868 ankündigte. Zugleich wies sie auf die weiterhin bestehende Möglichkeit der Anmeldung sowie Unterrichtsfächer (darunter „alle Arten weiblicher Handarbeit“), Unterbringung  und anfallende Kosten hin.

1225543340_03gebauede-1Einen erfolgreichen Neustart erlebte die „Höhere Mädchenschule“ in ihrer noch jungen Geschichte ab dem Jahre 1898 in diesem Gebäude in der Oststraße. Nachdem die erste, von Johanna Küpper 1868 ins Leben gerufene Mädchenschule, die zunächst in einem Privathaus in der Hochstraße untergebracht war,  aus mangelndem Interesse bereits 1882 wieder geschlossen werden musste, war die Neugründung 1898 auf Initiative von Maria Müller aus Wisskirchen ein so großer Erfolg, dass der auf dem Bild zu sehende Neubau in der Oststraße notwendig wurde, um dem steten Anwachsen der Zahl der Schülerinnen gerecht zu werden. Das Bild stammt von einer Postkarte aus dem Jahr 1903. Nur sieben Jahre später, im Jahr 1910, musste die Schule ihre Räumlichkeiten abermals vergrößern und in eine Stichstraße der Oststraße, die heutige Ursulinenstraße, verlegen.

1225543403_04marienschuelerinnenMarienschülerinnen vor über hundert Jahren: 1. und oberste Klasse der Ursulinen 1904. Die angehenden Absolventinnen von links nach rechts: M. Hack, G. Verqueray, M. Weber, Chr. Komp, Joh. Herzog.

1225543457_05sanctamariaWerbeannonce in der Euskirchener Presse für das Mädchen-Pensionat „Sancta Maria“, einer der Vorläuferinnen der heutigen Marienschule, rund um das Jahr 1914: Am 5. Juni 1914, knapp zwei Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kauften die Dominikanerinnen von Arenberg das Schulgebäude samt umfangreichen Anwesen von ihren Vorgängerinnen, den Ursulinen. Von den Dominikanerinnen stammte auch der neue Name, „Sancta Maria“ auf den der heutige Schulname zurückgeht und der an die Ursprünge der Schule unter der Obhut religiöser Schwesternorden erinnert. Daran erinnern auch die 1910 erfolgte Umbenennung der Pützstraße in Ursulinenstraße sowie die Namensgebung des Dominikanerinnenplatzes.

1225543474_06gebauedeDass neben dem offiziellen neuen Namen „Sancta Maria“, den die Dominikanerinnen der Mädchenschule gegeben hatten, auch schnell die mundgerechte Form „Marienschule“ gebräuchlich wurde, beweist die Beschriftung dieser Postkarte aus dem Jahr 1916. Sie zeigt den 1910 fertiggestellten Neubau in der heutigen Ursulinenstraße (damals: Pützstraße), der nach dem Umzug der Marienschule an ihren heutigen Standort 1973 der Sitz der Willi-Graf-Realschule wurde.

1225543619_07marienschuelerinnenEin historischer Schnappschuss aus der Zeit Weimarer Republik (ca. 1930): Zwei angehende Absolventinnen des „Oberlyzeums Sancta Maria“ beim Gang über die Euskirchener Wilhelmstraße. Beide tragen mit Stolz ihre Gymnasiastinnenmütze. Lins im Hintergrund zu sehen der Eingang des ehemaligen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Café Kaul, das damals als Treffpunkt von Euskirchener Schülerinnen und Schülern außerordentlich beliebt war.

1225543702_08gebauedeSo sah die Front des Internats des „Oberlyzeums“ zur Kölner Straße hin aus, bis es im Krieg zerstört wurde. Der Schulkomplex umfasste zu dieser Zeit das gesamte Gelände zwischen der Kölner Straße und der Ursulinenstraße, an der sich das eigentliche Schulgebäude befand, es ist das Gebäude der heutigen Willi-Graf-Schule. In dem Gebäude an der Kölner Straße befand sich neben dem Pensionat auch das „Engelhaus“, eine großzügige Kapelle, die der katholischen Prägung der Erziehung Ausdruck gab. An dieser Stelle befindet sich heute die Turnhalle der Kaplan-Kellermann-Realschule.

Der ehemalige Komplex des „Oberlyzeums Sancta Maria“ nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Dieses vom Kirchturm der Herz-Jesu-Kirche aufgenommene Bild zeigt nicht nur das Ausmaß der Zerstörung, sondern vermittelt auch einen Eindruck vom Gesamtkomplex des ehemaligen Mädcheninternats. In der unteren Bildmitte zu sehen sind die Gebäude von Pension und Kapelle an der Kölner Straße, am linken Bildrand steht das eigentliche Schulgebäude an der Ursulinenstraße, die heutige Willi-Graf-Realschule. Zwischen den beiden Gebäuden befanden sich weitläufige Parkanlagen, die mehr als die Fläche des heutigen Schulhofs der Willi-Graf-Schule umfassten. Die stark beschädigten Gebäude an der Kölner Straße wurden in Verlauf der Nachkriegszeit abgerissen und durch den Gebäudekomplex der Kaplan-Kellermann-Realschule ersetzt.

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Lernen im geistlichen Ambiente einer katholischen Schwesterngemeinschaft: Die Dominikanerinnen und die Schülerinnen des „Oberlyzeums“ in der Ursulinenstraße während der 1930er Jahre. In Folge der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde der Einfluss der Schwestern auf die Geschicke der Schule und der Schülerinnen immer geringer.

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Der Unterrichtsraum für Biologie als Motiv einer Postkarte aus den 1930er Jahren.

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 Schülerinnen in typischer Tracht auf dem Schulhof des Oberlyzeums.

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Schülerinnen bei der Gartenarbeit

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Aus dem Alltagsleben der Schülerinnen im Pensionat an der Kölner Straße rund um das Jahr 1930: Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen in den Gemeinschaftsräumen.

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Der Speisesaal für die Schülerinnen im Pensionat

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Das „Physikalienzimmer“ im Schulgebäude in der Ursulinenstraße als Postkartenmotiv der 1930er Jahre.

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Eindrücke vom Küchenbetrieb im Mädchenpensionat

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Blick in die Schlafsäle der Schülerinnen im Pensionat vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

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Das Lehrerkollegium des offiziell „Städtischen neusprachlichen Mädchengymnasium und Frauenoberschule Marienschule“ am 29. März 1958 vor dem Hauptportal in der Ursulinenstraße, der heutige Eingang der Willi-Graf-Realschule. In der ersten Reihe, zweite von links, Frau Gertrud Neidhardt, die als Oberstudiendirektorin die Marienschule durch die Nachkriegszeit führte. Das Bild entstand zwei Tage vor ihrem Dienstaustritt am 1. April 1958.

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Oberstudiendirektorin Gertrud Neidhardt

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Klassenraum im Schulgebäude in der Ursulinenstraße Jahre 1963, zehn Jahre vor dem Umzug der Marienschule in das heutige Schulgebäude am Basingstoker Ring.

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Der bezugsfertige Rohbau des neuen Schulgebäudes im Jahr 1973. Da zu dieser Zeit der Basingstoker Ring, an dem die Schule heute liegt, noch nicht existierte, lautete die erste Adresse der Schule „In den Benden.“

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